TER, Rebalancing, Abgeltungssteuer
Stand: Mai 2026. Steuerwerte (Basiszins, Abgeltungssteuer, Teilfreistellung) beziehen sich auf das Steuerjahr 2026.
Zwei ETF-Sparpläne, beide auf einen weltweiten Aktienindex, beide mit derselben Sparrate, beide über 30 Jahre. Auf dem Papier sehen sie identisch aus. Am Ende trennt sie ein fünfstelliger Betrag.
Das ist keine Übertreibung und kein Werbespruch. Es ist schlicht das Ergebnis von drei Stellschrauben, die im Kleingedruckten verschwinden: der laufenden Kostenquote, der Art, wie das Depot umgeschichtet wird, und der Besteuerung. TER, Rebalancing, Abgeltungssteuer. Dieser Artikel erklärt alle drei — und zeigt, warum sie beim Altersvorsorgedepot besonders zählen.
Hebel 1: Die TER — die laufende Kostenquote
Die TER (Total Expense Ratio, „Gesamtkostenquote") ist der jährliche Prozentsatz, den ein ETF für seine Verwaltung einbehält. Sie wird nicht separat abgebucht, sondern direkt im Fondspreis verrechnet — du siehst sie nie auf einer Rechnung, du spürst sie nur in der Rendite.
Die Spannbreite ist groß:
- Ein breit gestreuter, weltweit anlegender Aktien-ETF — etwa auf den MSCI World oder den FTSE All-World — kostet typischerweise 0,1 bis 0,2 % pro Jahr.
- Aktiv gemanagte Fonds liegen oft bei 1,5 bis 2 % und mehr.
- Das gesetzliche Standardprodukt im Altersvorsorgedepot darf bis zu 1 % Effektivkosten kosten.
0,2 % gegen 1 % — das klingt nach einem Achtel Prozentpunkt Unterschied, ist aber das Fünffache. Und Kosten wirken multiplikativ über die Zeit, nicht additiv.
Ein gerechnetes Beispiel macht es greifbar. Wer 40 Jahre lang 150 € im Monat einzahlt, vor Kosten 6 % Rendite erzielt und im Ruhestand 26 % Steuer zahlt, hat nach Steuern:
- bei 0,2 % Fondskosten: rund 274.000 €
- bei 1 % Fondskosten: rund 221.000 €
Die Differenz von über 50.000 € ist nicht der Markt, nicht das Pech, nicht die falsche Aktie. Es ist allein die Kostenquote — und damit der Hebel, den du selbst in der Hand hast.
Wichtig fürs Altersvorsorgedepot: Der Kostendeckel von 1 % gilt nur für das verpflichtende Standardprodukt — Garantie- und Versicherungstarife dürfen mit 1,5 bis 2,5 % deutlich teurer sein und bleiben trotzdem gefördert. Wählst du im Depot selbst einen günstigen ETF, liegst du ohnehin weit darunter. Der teuerste Weg ist also ausgerechnet der bequemste — das Standardprodukt für Einsteiger, die sich nicht kümmern wollen. Wer sich 15 Minuten Zeit für die ETF-Auswahl nimmt, kauft sich damit einen fünfstelligen Vorteil.
Ein Hinweis zur Genauigkeit: Die TER erfasst nicht ausnahmslos alle Kosten. Transaktionskosten innerhalb des Fonds und Spreads beim Kauf sind nicht enthalten. Bei großen, liquiden Index-ETFs sind diese Zusatzkosten gering, aber nicht null. Die TER ist die beste verfügbare Vergleichszahl — aber keine perfekt vollständige.
Hebel 2: Rebalancing — die unterschätzte Kostenfalle
Rebalancing bedeutet, ein Portfolio wieder in seine Zielaufteilung zu bringen. Wenn die Aktienquote durch Kursgewinne von geplanten 70 % auf 78 % steigt, wird verkauft und umgeschichtet, bis die 70 % wieder stimmen. Das klingt vernünftig — und ist es im Prinzip auch. Aber es hat zwei Preisschilder, die gern übersehen werden.
Das erste Preisschild: Transaktionskosten. Jede Umschichtung kann Ordergebühren auslösen. Bei einem einzelnen, breit gestreuten Welt-ETF entfällt das Problem weitgehend — der Index gewichtet sich intern selbst, du musst gar nicht umschichten. Bei einem Portfolio aus mehreren Bausteinen (etwa ein Aktien- und ein Anleihen-ETF, wie beim Standardprodukt) fällt regelmäßig Rebalancing an.
Das zweite Preisschild — und das ist das eigentlich teure — ist steuerlich. Und hier kommt der entscheidende Unterschied zwischen einem normalen Depot und dem Altersvorsorgedepot:
- Im normalen Depot ist jeder Verkauf beim Rebalancing ein steuerpflichtiger Vorgang. Realisierte Gewinne werden mit Abgeltungssteuer belegt. Wer regelmäßig umschichtet, zahlt regelmäßig Steuern — und dieses Geld fehlt dann dauerhaft im Zinseszins.
- Im Altersvorsorgedepot sind Umschichtungen in der Ansparphase steuerfrei. Du kannst rebalancen, ohne dass dabei Abgeltungssteuer anfällt.
Das ist ein echter, oft unterschätzter Vorteil des Altersvorsorgedepots: Es entkoppelt das sinnvolle Umschichten von der Steuerbremse. Im normalen Depot ist Rebalancing immer ein Abwägen zwischen „Portfolio sauber halten" und „keine Steuer auslösen". Im Altersvorsorgedepot fällt dieser Zielkonflikt in der Ansparphase weg.
Hebel 3: Abgeltungssteuer und Vorabpauschale
Der dritte Hebel ist die Besteuerung — und hier muss man die beiden Welten sauber trennen.
Im normalen Depot
Auf Kursgewinne und Dividenden fällt Abgeltungssteuer an: 25 % plus 5,5 % Solidaritätszuschlag darauf, zusammen rund 26,375 %, ggf. plus Kirchensteuer. Bei Aktien-ETFs gilt eine Teilfreistellung von 30 % — nur 70 % der Erträge sind steuerpflichtig.
Dazu kommt die Vorabpauschale: eine Art jährliche Mindestbesteuerung, die seit 2018 dafür sorgt, dass auch thesaurierende ETFs — die Dividenden reinvestieren statt auszuschütten — nicht unbegrenzt steuerfrei wachsen. Die Logik in Kurzform:
- Grundlage ist der Basiszins, den das Bundesfinanzministerium jährlich festlegt. Für 2026 beträgt er 3,20 %.
- Der Basisertrag ergibt sich aus: Depotwert zu Jahresbeginn × Basiszins × 0,7.
- Die Vorabpauschale ist der kleinere Wert aus Basisertrag und tatsächlicher Wertsteigerung des ETF im Jahr. Steigt der ETF weniger als der Basisertrag, zählt nur die echte Wertsteigerung. Fällt der ETF, ist die Vorabpauschale null.
- Auf den steuerpflichtigen Teil (bei Aktien-ETF nach 30 % Teilfreistellung) fällt die Abgeltungssteuer an.
- Die Steuer für 2026 wird im Januar 2027 automatisch vom Verrechnungskonto abgebucht. Ein Freistellungsauftrag (1.000 € für Einzelpersonen, 2.000 € für gemeinsam veranlagte Paare) wird zuerst angerechnet.
Wichtig: Die Vorabpauschale ist keine zusätzliche Steuer. Sie ist eine Vorauszahlung — beim späteren Verkauf wird sie vollständig angerechnet, es gibt keine Doppelbesteuerung. Aber sie zieht Liquidität ab und bremst den Zinseszins, weil der vorausgezahlte Betrag nicht weiter mitarbeitet.
Im Altersvorsorgedepot
Hier ist die Lage grundlegend anders — und das ist der Kern des Steuervorteils:
- In der Ansparphase fällt keine Abgeltungssteuer an. Keine Steuer auf Kursgewinne, keine auf Dividenden, keine Vorabpauschale. Das Kapital bleibt zu 100 % investiert.
- Der Preis dafür kommt in der Auszahlphase: Die Auszahlungen werden voll mit dem persönlichen Einkommensteuersatz besteuert — die nachgelagerte Besteuerung. Es gilt also nicht die günstige Abgeltungssteuer, sondern dein individueller Satz.
Das ist eine echte Abwägung. Der Vorteil der ungebremsten, steuerfreien Ansparphase ist real und über Jahrzehnte erheblich. Ob er den Nachteil der vollen Besteuerung im Alter überwiegt, hängt davon ab, wie hoch dein Steuersatz im Ruhestand im Vergleich zu heute ist. Für die meisten Menschen liegt der Ruhestandssatz niedriger — dann gewinnt das Altersvorsorgedepot. Pauschal gilt das aber nicht.
Zwei „gleiche" ETF-Lösungen — und warum sie es nicht sind
Fassen wir die drei Hebel an einem Bild zusammen. Zwei Sparer, beide „in einen Welt-ETF, 30 Jahre, gleiche Rate":
Sparer 1 wählt im Altersvorsorgedepot selbst einen breit gestreuten ETF mit 0,15 % TER. Er hält einen einzigen Welt-ETF, muss also kaum rebalancen. In der Ansparphase fällt keine Abgeltungssteuer und keine Vorabpauschale an.
Sparer 2 nimmt das Standardprodukt, das den Kostendeckel mit knapp 1 % ausreizt. Es besteht aus zwei Bausteinen, die regelmäßig umgeschichtet werden — innerhalb des geförderten Depots immerhin steuerfrei, aber mit der hohen Kostenquote im Hintergrund.
Beide haben „dasselbe" getan. Aber Sparer 1 verliert über 30 bis 40 Jahre rund 0,85 Prozentpunkte Rendite pro Jahr weniger an Kosten — und das ist, wie das Rechenbeispiel oben zeigt, der Unterschied zwischen einem Endvermögen mit und ohne fünfstelliges „Loch".
Der eigentliche Hebel ist nicht der Markt. Den Markt kannst du nicht steuern. TER, Rebalancing-Struktur und die Wahl des steuerlich richtigen Gefäßes kannst du steuern — und genau dort entsteht die Differenz.
So nutzt du die drei Hebel
- Achte auf die TER, nicht auf den Markennamen. Ein global anlegender Aktien-ETF mit 0,1 bis 0,2 % ist der Normalfall, kein Sonderangebot. Alles deutlich darüber braucht eine sehr gute Begründung.
- Bevorzuge wenige, breite Bausteine. Ein einziger Welt-ETF rebalanced sich intern selbst und spart dir Umschichtungskosten. Je mehr Einzelbausteine, desto mehr Rebalancing-Aufwand.
- Nimm im Altersvorsorgedepot nicht automatisch das Standardprodukt. Es ist bequem, aber der teuerste Weg. Die selbst gewählte ETF-Option im Depot ist in der Regel deutlich günstiger.
- Verstehe, welches Gefäß welche Steuerregel hat. Normales Depot: Abgeltungssteuer und Vorabpauschale laufend, dafür im Alter nur die Abgeltungssteuer. Altersvorsorgedepot: steuerfreie Ansparphase, dafür volle Besteuerung im Alter. Welches besser ist, ist eine Rechnung — keine Glaubensfrage.
Genau diese Rechnung — TER-Effekt, Steuerwirkung und der Vergleich der Gefäße über die volle Laufzeit — nimmt dir unser Altersvorsorgedepot-Rechner ab. Er zeigt nicht nur eine Endsumme, sondern macht sichtbar, welcher der drei Hebel in deinem Fall wie viel ausmacht.
